Freitag, 10. Oktober 2008

Vicky Cristina Barcelona

'Vicky Cristina Barcelona', der neue Film von Woody Allen, dem früheren Meister des Klamauks und der Selbstironie, habe ich heute gesehen und für okay gehalten. Der verschroben-elitäre New Yorker Humor aus seinem Frühwerk hat ja seit der Renaissance des Woody Allens, deren Ursprung auf den äusserst gelungenen Film 'Match Point' zu datieren ist, einem eher ernsteren und eurozentristischen Filmschaffen Platz gemacht. Als Schauplatz dienen seither europäische Szenerien. Zu Beginn des Spätwerks ('Match Point', 'Scoop' sowie 'Cassandra's Dream') dominierte ja nach wie vor eine englische Szenerie. In seinem neuen Film nun, 'Vicky Cristina Barcelona', ist der Schauplatz auf die Iberische Halbinsel, genauer: nach Spanien, verlegt worden (also dorthin, wo die Tommies ihren Urlaub am liebsten verbringen..). Engländer erscheinen in diesem Film jedoch nicht, es sind vielmehr spanisch zu nennende Rollen, die den Film tragen (oder zumindest solche, die Woody Allen wohl für 'spanisch' hält). Die Hauptcharaktere sind meines Erachtens zu sehr einer vermutlich überkommenen Vorstellung von spanischem Temperament, Lebensgefühl und spanischer Leidenschaft entlehnt. Allen zeichnet ein Bild eines liebestollen spanischen Künstlers (Javier Bardem), der in seiner Rolle als Womanizer und sinnlich-malenden Bohemiens auch einem Groschenroman (oder eines Romans von Paulo Coelho (gut, das ist ja aber dasselbe..) entsprungen sein könnte. Jedoch scheinen die Klischees, wenn man die Konstellation des Films durch die Figuren denn so nennen möchte, ein Mittel zum Zweck zu sein, denn Allen scheint nach wie vor Spass daran zu haben, mit überkommenen Vorstellungen zu spielen und sie teilweise ad absurdum zu führen. Im Film gibt es einige gute Momente, die aufgrund des Zusammenspiels zwischen der gezeichneten spezifischen feurigen Männlichkeit (wenn nicht: Testosteron-fixierten Machohaftigkeit, in deren Zentrum die kreative kunstsinnige Freiheit steht) und der eher unterkühlten, rastlosen, auf der Suche nach dem Richtigen (Mann, z.B.) sich befindenden Weiblichkeit der Hauptprotagonistin (Cristina, gespielt von Scarlett Johansson) entstehen. Die grosse Stärke der Spätphase Woody Allens ist ja aber, dass er originelle, interessante und starke Frauenrollen zeichnet. So auch in diesem Film. Ursprünglich mit der Intention in den Film gegangen, mich an Allens neuer Muse, Scarlett Johansson, zu laben, wurde ebenjene Actrice, je länger der Film dauerte, von einer anderen Schauspielerin in den Hintergrund gerückt: Penélope Cruz (siehe untenstehendes Foto). Mit ihrem unerwarteten Auftauchen im Film erhält er eine ganz neue Dynamik. Die stärkste Rolle spielt, neben Vicky (eine andere Protagonistin, gespielt von Rebecca Hall), nun eine leidenschaftliche und impulsive Frau, die den schmalen Grat zwischen ästhetisierter Kunstsinnigkeit, feurig-heisser Leidenschaft, exzessiver Lebensfreude und todessehnsüchtiger Romantik begeht.

Besonders gefallen hat mir jedoch die sommerliche Atmosphäre des Films. Er wirkt in seiner das Licht optimal einfangenden Photographierung sehr leichtfüssig, er hinterlässt ein wonniges Gefühl von sommerlicher Restunbeschwertheit.

Freitag, 3. Oktober 2008

Na dann, weiterhin frohes Schaffen gegen den "Neoliberalismus"

Heute Freitag gibt der Freiburger CSP-Nationalrat Hugo Fasel sein Nationalratsmandat ab. In der regionalen Tageszeitung, den Freiburger Nachrichten, erschien zu diesem Behufe ein Interview (das leider nicht verlinkbar zu sein scheint) mit dem christlich-sozialen Gewerkschafter. Daher folgt nun das Interview hier:

"Mit dem Gewerkschafter Hugo Fasel, Gründer und Präsident von Travail.Suisse, verlässt ein Vollblutpolitiker das politische Parkett. Als Mitglied der Geschäftsprüfungskommission und bis zum heutigen Tag Präsident der Geschäftsprüfungsdelegation erhielt er Einblick in wohlgehütete Geheimnisse des Staates. Sein Hauptengagement galt allerdings den Sozialwerken.

Dem Neoliberalismus die Stirn geboten

walter buchs

Seit dem 1. Oktober 2008 ist der 53-jährige CSP-Politiker Hugo Fasel, St. Ursen, Direktor der Caritas Schweiz. Heute tritt er als Nationalrat zurück, dem er nun 17 Jahre angehört hat.

Heute Freitag zum Abschluss der Herbstsession ist Ihr letzter Tag im Nationalrat. Welche Gefühle bewegen Sie beim Abschied vom Bundesbern?

Die grössten Emotionen zeigten sich, als ich bei der Wahl zum Caritas-Direktor im Februar die Entscheidung treffen musste, das Amt als Parlamentarier aufzugeben. Es war mir aber klar, dass ich nicht beide Aufgaben gleichzeitig ausüben kann. Die Belastung wäre zu gross.

Nach der Einarbeitungsphase in Luzern, die Anfang September begonnen hat, ist das Loslassen einfacher, und ich verlasse das Parlament recht gelassen.

Politische Debatten waren Ihre Leidenschaft. Was hat Ihnen am meisten Spass gemacht?

Ich würde eigentlich am liebsten noch 20 Jahre hier bleiben. Die Auseinandersetzung mit Zielsetzungen, für eine Idee einstehen, diese der Meinung anderer gegenüberstellen und dann Lösungen suchen: Das hat mich immer unglaublich fasziniert. Darauf zu verzichten, fällt mir am schwersten.

Bei der Caritas ist die Art der Kommunikation eine andere, aber keineswegs weniger spannend. Grundlegende Themen wie die Armut in der Schweiz und weltweit werden mich nun noch intensiver begleiten.

Was betrachten Sie als Ihre wichtigsten politischen Erfolge?

Nach 17 Jahren ist es ganz schwierig zu sagen, welches die wichtigsten waren. Ich schaue sowieso immer vorwärts und nicht zurück. Es kommen mir doch zwei, drei Dinge in den Sinn: Den schönsten Sieg, den ich erringen durfte, ist das schweizweit einheitliche Familienzulagengesetz.

Den Sonntag als Freiraum bewahren zu können, war für mich ebenfalls zentral. Als weiteren Erfolg darf ich den Einsatz gegen die Abwanderung der Post in Erinnerung rufen.
Zu erwähnen ist zudem das Umdenken in der Ökologie. Ich durfte zum Durchbruch für nachhaltiges Wirtschaften massgeblich beitragen, was mir namentlich zu Beginn auch viel Kritik eingebracht hatte. Die Klimaänderung zeigt aber, dass das Umdenken dringend nötig war.

Dem aufmerksamen Beobachter ist aber auch Ihr Einsatz gegen die Liberalisierung nicht entgangen!

Als ich vor fünf Jahren sagte, die Managerlöhne führten in die Katastrophe, wurde mir Neid vorgehalten. Meine Kritik von damals ist heute bittere Realität. Wir erleben im Moment auf den Finanzmärkten weltweit Absurditäten unglaublicher Dimensionen.

Jene, die immer gesagt haben, wir bräuchten bloss einen Nachtwächterstaat, müssen jetzt den Staat um Milliarden anflehen. Auch die Schweizer Nationalbank ist davon nicht ausgenommen. Das bezahlen wir nun alle über höhere Inflation, die nichts anderes bedeutet als Reallohneinbussen. Mit den Summen, die man heute in den USA und in Europa in die Finanzmärkte pumpt, könnte man die Armut weltweit zum Verschwinden bringen. Dafür hat man aber offensichtlich kein Geld.

Wenn ich jetzt das Bundeshaus verlasse, nehme ich die Absurdität dieser Entwicklung mit mir und bin gleichzeitig ein wenig stolz darauf, dass ich frühzeitig davor gewarnt habe. Ich habe den Pressionen der Neo-Liberalen nie nachgegeben.

Ohne Enttäuschungen lief Ihre Karriere sicher auch nicht ab?

Wer politisch überleben will, muss eine dicke Haut haben und eine grosse Fähigkeit, zu vergessen. Man muss lernen, mit Niederlagen umzugehen. In diesem Zusammenhang muss ich im Anschluss an das, was ich soeben gesagt habe, feststellen, dass wir es lange Zeit nicht geschafft haben, den neoliberalen Politikern die Stange zu halten.

Einige Forderungen, die seinerzeit im sog. Weissbuch der Wirtschaft und der Banken aufgelistet waren, haben leider Eingang gefunden in die Politik - mit der Erkenntnis heute, dass der Finanzmarkt die ganze soziale Marktwirtschaft zu zerstören droht. Das ist eine bittere Lektion.

Ihre Schwerpunktthemen waren zweifellos die Sozialwerke. Da hat sich in den vergangenen Jahren nicht gerade viel bewegt. Sie müssen also einiges unvollendet lassen!

Das ist so. Die Sozialwerke waren in den vergangenen 20 Jahren praktisch ununterbrochen unter Druck. Die AHV hat sich aber über alle Konjunkturzyklen hinweg bewährt, und wir mussten einen grossen Einsatz leisten, um deren Leistungen zu verteidigen. Wenn wir nachgegeben hätten, hätte Rentenalter 67 Einzug gehalten.

Bei der 2. Säule ist es uns gelungen, die «Renten-Klau-Debatte» auszulösen. Man konnte offenlegen, dass die grossen Versicherungskonzerne hunderte von Millionen in den eigenen Sack gewirtschaftet haben. Nun wurden sie zu mehr Transparenz gezwungen, das haben wir geschafft. Auch wenn ein Ausbau nicht möglich war, ist es uns gelungen, die Sozialwerke zu stabilisieren und - im Gegensatz zu anderen Ländern - die Leistungen zu erhalten, was ich bei mir als grossen Erfolg verbuchen darf.

Ab Ihrer zweiten Legislaturperiode haben Sie sich der Fraktion der Grünen angeschlossen. Waren Sie als Christlichsozialer dort gut aufgehoben?

Ich war in dieser Fraktion sehr gut aufgehoben. Man hat mir dort eine Art Autonomie zugestanden. In der Sozialpolitik konnte ich in der Fraktion eine Führungsrolle übernehmen und diese auch ins Parlament einbringen. Trotz gelegentlicher Spannungen, was völlig normal ist, hatte ich mit den Grünen ein faires und korrektes Verhältnis.

Wie beurteilen Sie heute die Stimmung im Parlament, wo offensichtlich Hahnenkämpfe und weniger Sachthemen im Vordergrund stehen?

Die parlamentarische Tätigkeit ist in letzter Zeit noch stärker mediatisiert worden. Wer seine Themen nicht in die Medien bringen kann, kann sie auch parlamentarisch nicht durchsetzen.

Das Klima ist wesentlich polarisierter und aggressiver geworden. Die Schweiz hat sich während vieler Jahrzehnte dadurch ausgezeichnet, dass sie über Themen streitet. Neu ist, dass man über Personen streitet und dass es nicht mehr um die Sache geht. Das ist einer konstruktiven, langfristigen Politik, welche die Schweiz lange geprägt hat, abträglich.

Welches werden die Folgen sein?

Die Konsequenz wird sein, dass man Lösungen auf die lange Bank schiebt. Solange man über Bundesrat Schmid diskutiert und nicht über das, was man kritisiert, nämlich dass die Armee keinen klaren Auftrag mehr hat, schiebt man genau diese Probleme auf die lange Bank. Rein personenbezogene Politik ist der Schweiz abträglich."

(Quelle: Freiburger Nachrichten vom 3. Oktober 2008)

Alles in allem nimmt 'Bundesbern' mit dem Verlust von Hugo Fasel also keinen allzu grossen Schaden hin. Dass sich der christlich-soziale Gewerkschafter, der sich den Einsatz für die 'Armen' und 'Schwachen' zum politischen Programm gemacht hat (in einem der reichsten Länder der Welt) und mit seinem weiteren Engagement bei Caritas dies weiterhin zu machen pflegt (für die Schwächsten und Ärmsten weltweit), in seinem Interview auch in Widersprüchen verheddert, ist kaum erstaunlich. Er kritisiert die zunehmende Mediatisierung der Politik, bei der die Person vielfach im Vordergrund steht und nicht mehr die jeweils konkreten Positionen, sicherlich zu Recht, scheint dabei aber zu vergessen, dass ausgerechnet er einer der Hauptverantwortlichen für diese Entwicklung ist. Soweit bekannt ist, war Hugo Fasel einer der treibenden Kräfte bei der Nicht-Wiederwahl Christoph Blochers als Bundesrat. Er hat also nicht konkret gegen die Politik Blochers opponiert, sondern gezielt ausschliesslich auf die Person des ihm nicht genehmen Justizministers gespielt. Eine Auseinandersetzung mit der Politik Blochers fand kaum statt.

Darüber hinaus scheint er Gespenster zu sehen, wenn er etwa meint, "neoliberalen Politikern die Stange" gehalten zu haben. Wen meint er damit wohl? Wo sind in der Schweiz neoliberale Politiker bzw. Denker eines Formats wie z.B. von Robert Kagan oder Francis Fukuyama (gut, es gibt da schon zwei, drei..)? Nein, der sogenannte "Neoliberalismus", wie er von Hugo Fasel verstanden wird, ist keine Gefahr, er ist vielmehr ein Segen. Wichtig wäre es allerdings, den 'richtigen' Neoliberalismus (denn es jedoch, nimmt man Adornos Bonmot "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" zur Grundlage, in dieser Form nicht gibt) zuerst weltweit zu implementieren, um mit den Kräften der Aufklärung - und nicht etwa wider - den friedlichen Übergang zum Libertarismus - oder zum Kommunismus antideutschen Zuschnitts - herbeizuführen..

"Adolf Achmadinedschad"

Die Weltwoche mit einem Artikel über den Auftritt vom Atom-Iraner Achmachmirdendschihad vor der UN-Vollversammlung, an der er - unter dem Beifall von einzelnen UN-Deppen - antisemitische Agitation betrieb.

Mittwoch, 24. September 2008

"Platt gewalzt"

Das Blog 'Spirit of Entebbe' über die 'Mauer', die zwischen Israelis und Palästinensern verläuft und die "zu mehr als 97 Prozent ein Zaun ist".

Sonntag, 21. September 2008

Arena vom 19. September 2008 zum Thema Finanzkrise

Ja, am Freitag verzichtete ich wegen der Sendung 'Arena' unter anderem auf das Heimspiel von Freiburg gegen Davos und auf einen normalen Freitagabend in einer beschaulichen Kleinstadt im Mittelland. Das Thema der Sendung musste also brisant sein. War es dies tatsächlich? Es wurde über die gegenwärtige Krise in der Finanzbranche diskutiert. Gegenstand der Diskussion war also das partielle Scheitern der Marktwirtschaft, mithin des Systems Kapitalismus per se. Nach good old Marx führe ja der Kapitalismus aufgrund seiner inneren und äusseren Widersprüche quasi als geschichtsphilosophische Notwendigkeit zu immer grösseren Krisen, die sodann die sozialistische Gesellschaft als Konsequenz habe. Der Kapitalismus werde vom Sozialismus abgelöst und ferner in der kommunistischen Ordnung, wo unter anderem die Dialektik zwischen der Akkumlation von Kapital in den Händen der Kapitalisten einerseits und der Abschöpfung des Mehrwerts der vom Proletariat geleisteten Arbeit als privaten Profit andererseits, aufgehoben.

Marx war zweifellos ein guter Diagnostiker der Ökononie und des Teilsystems Arbeit (abgesehen von den nachweislichen Unzulänglichkeiten seiner Klassentheorie und seiner teilweise religiös zu nennenden Geschichtsphilosophie). Die im ersten Abschnitt beschriebenen (schon auch ein wenig rasch angelesenen vulgär)marxistischen Zusammenhänge weisen Parallelen zur heutigen Finanzmarktkrise auf, in welcher der amerikanische Staat mit einer beispiellosen Auffangaktion für faule Kredite in den (ausgetrockneten) Markt eingreifen will. Bei Marktwirtschafts-Zweiflern zirkuliert vermehrt wieder die Parole "Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste". Mit diesem leicht von den Lippen gehendem Slogan haben sie sogar einmal Recht, jedenfalls in der kurzen Frist, da der amerikanische Steuerzahler letztlich diese gigantische Intervention des Staates finanzieren wird. In der langen Frist, und das interssiert die Ökonomen vielfach auch, ist es durchaus denkbar, dass die praktisch keinen Wert mehr aufweisenden Papiere, die der amerikanische Staat übernehmen will, in Zukunft sogar mit einem Gewinn auf einem allfälligen wieder stabilen Markt veräussert werden können. Momentan jedoch dürften diese Verwerfungen auch auf soziale Bereiche negative Auswirkungen haben. Den Menschen in den USA und vermutlich weltweit dürfte aufgrund der Verwerfungen, dessen Ursachen Gerhard Schwarz, seineszeichen (neo)liberaler Leitartikler des (neo)liberalen Wirtschaftsteils der Neuen Zürcher Zeitung, in seinem empfehlenswerten Leitartikel "Unschöpferische Zerstörung" vom Samstag diagnostizierte ("Ausgangspunkt war der amerikanische Häusermarkt, an dem sich wegen viel zu grosszügiger Geldversorgung durch das Fed, staatlicher Wohnbauförderung und höchst problematischer Refinanzierung eine Eiterblase bildete, die früher oder später platzen musste. Genährt wurde diese Blase durch eine ganze Reihe menschlicher Eigenschaften, durch Gier, Masslosigkeit, Anmassung, Eitelkeit, Übertreibung, Unvernunft und Inkompetenz, nicht nur an der Wall Street. Behörden und Regierung, die Medien und das breite Publikum krankten alle am Gleichen."), ein rauherer Wind ins Gesicht blasen. Das ist zu kritisieren, sollte das soziale System der Ökonomie doch in erster Linie dem Wohl des Menschen verpflichtet sein. Der Kapitalismus mehr als andere Wirtschaftssysteme bisher hat dieses eherne Gebot trotz gelegentlich schweren systemimmanenten Krisen und trotz der täglichen schulterzuckenden Gleichgültigkeit über das Leid von Millionen von Menschen eher berücksichtigt. Auch angesichts des bisherigen staatlichen Eingreifens dürfte in der (nach wie vor erzliberalen) USA keine sozialistische Revolution bevorstehen..(als den Antideutschen wohlgesinnter Libertärer könnte ich dem Projekt eines globalen Kommunismus dennoch viel abgewinnen, sofern er nicht wie in den bisherigen Experimenten wie etwa in der Sowjetunion oder in der VR China in einer autoritären Prägung zum Ausdruck kam und kommt, der darüber hinaus kaum die Emanzipation des Individuums aus naturwüchsigen Lebensformen und Kollektiven zum Ziel hatte und hat. Bis dahin jedoch denke ich, dass die befreienden Qualitäten des Kapitalismus das kleinere Übel sind).

Das gefühlte Unbehagen im globalisierten Spätkapitalismus ist zweifellos weit verbreitet. Die geplante staatliche Auffangaktion für faule Kredite, die vermutlich das kleinere Übel ist als die Alternative – nichts zu tun –, verschärft die Wahrnehmung eines als (partiell) gescheitert diagnostizierten Kapitalismus wohl zusätzlich. So war es keine grosse Überraschung, dass in der Polit-Sendung 'Arena' vom Freitag über die globale Finanzmarktkrise gesprochen wurde. Es diskutierten:

Marcel Rohner, CEO UBS
Pierin Vincenz, CEO Raiffeisenbanken
Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbund
Markus Gisler, Wirtschaftsexperte

Vom oftmals spöttischen Ton und der Disharmonien in der Gesprächsrunde der 'Arena'-Sendungen während der 90er-Jahre (Blocher) war man weit entfernt; es herrschte, mit Ausnahme Daniel Lamparts, Einhelligkeit über die Bewertung der Turbulenzen der letzten Tage. Auch waren in der zweiten Reihe kaum SVP-Hardliner auszumachen, die sich mit unverhohlenem Spott und politisch inkorretker Häme über ihre politischen Gegner lustig machen. Ich meine, dies ist trotz des ausgebliebenen jeweiligen unfreiwilligen Amüsements gut so. Denn es diente einer sachlichen Diskussion jenseits von Stammtisch-Parolen ungemein. Am stichhaltigsten argumentierte meines Erachtens Marcel Rohner (*vgl. untenstehendes Porträt aus der Weltwoche), der CEO der weithin kritisierten UBS (dem Institut also, dem die Kleinräumigkeit der Schweiz und der diesbezüglich vielfach auszumachenden Réduit-Mentalität schon immer ein Ärger war und das deshalb schon immer die nationalen Ketten sprengte und international agierte). Er wirkte trotz der Hiobsbotschaften der vergangen Zeit relativ gefasst und gab Auskunft über die Probleme - und noch wichtiger: die Problemlösungen - der UBS. Als Daniel Lampart, der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, ins populistische Fahrwasser abzudriften drohte, indem er bemerkte, die Anlageberater hätten ein originäres Interesse daran, ihren Kunden "strukturierte Produkte", die man "früher" noch "derivative" Finanzierungsinstrumente genannt habe, zu verkaufen, da sie sich ja angesichts der "Provisionen" nicht ins eigene Fleisch schneiden wollten und deshalb angeblich den Kunden nicht über die Risiken aufklärten, entgegnete Marcel Rohner, dieser Erklärungsansatz für das Scheitern des Finanzsystems sei "einfach zu einfach". Man könne die Ursachen nicht lediglich auf Gemeinplätze runterbrechen. Als gegen den Schluss der Sendung hin noch eine Grüne Nationalrätin aus dem Kanton Zürich in der zweiten Reihe das Wort ergriff und es mit ihr sprach, wurde sie von der Runde unisono, bis auf Daniel Lampart, auf ihre Unkenntnisse hingewiesen..

*Porträt

Kunst der Beziehung

Der neue UBS-Chef Rohner liest grosse Philosophen. Er ist intellektuell, aber bodennah.

Rohner hat fast seine ganze Karriere bei der UBS respektive beim Bankverein absolviert und verfügt nach heutigen Massstäben über wenig Auslanderfahrung. Er gilt als brillanter Denker mit schneller Auffassungsgabe. Nach der Kantonsschule in Aarau studierte Rohner Volkswirtschaft an der Universität Zürich. Erste berufliche Erfahrungen sammelte Rohner während seines Studiums bei der Aarauer Firma Ölpool. Begleitend zu seiner Dissertation bewährte er sich ein knappes Jahr halbtags als Öltrader. Als der Bankverein ihm ein Angebot unterbreitete, sagte ihm der Chef der Ölpool AG: «Marcel, du musst das Angebot annehmen, wir sind zu klein für einen wie dich.» So begann seine Bankkarriere.

Bis heute eilt ihm der Ruf voraus, dass er mit dem Zug von seinem Wohnort in Aarau nach Zürich ins Büro pendelt. Das entspricht schon lange nicht mehr der Wirklichkeit. Allein aus zeitlichen Gründen könne er sich das nicht mehr erlauben.Er wolle auch nicht auf Schritt und Tritt angesprochen werden.

Dem zweifachen Familienvater Rohner ist es gelungen, eine spürbare Bodenständigkeit zu bewahren, die gut zu seinen Wertvorstellungen passt: «Für mich reichen ethisches Verhalten und Integrität weit darüber hinaus, nicht zu lügen, also ehrlich zu sein», sagt Rohner. «Vielmehr versuche ich, auch die Realität über mich selber so gut wie möglich zu erfahren und zu verstehen. Das ist der weitere Sinn von Integrität – eine nahe Sicht zu haben, wer man wirklich ist.» Selten hört man solche Reflexionen in der Branche. Rohner sagt: «Eigenverantwortliches Verhalten ist für mich enorm wichtig. Ich treffe meine Entscheide immer auf dieser Basis und versuche nie, andere dafür verantwortlich zu machen.» Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch seine Vorliebe für klassisch liberale Denker wie Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises oder den Rechtsphilosophen John Rawls und den katholischen Denker Michael Novak.

Die Faszination für das Bankgeschäft bezieht Rohner daraus, dass er den Umgang mit Geld als eine Interaktion zwischen zwei Menschen betrachtet. Die Beziehung zwischen dem Kunden und dem Berater sei entscheidend. Wie diese Beziehung mit Inhalten, also mit Investitionsentscheiden und Finanzprodukten, gefüllt werde, sei das Spannende. «Diese Kombination von zwischenmenschlichen Aspekten und enorm viel Analytik, das macht für mich das Bankgeschäft so reizvoll», sagt er.

Rohner – Synonym für eine makellose Laufbahn in den Olymp der Schweizer Bankenwelt? Möglicherweise ist sein Werdegang etwas zu schnell verlaufen, geben Freunde zu bedenken. Als 1998 nach dem Debakel mit dem Hedge-Fund LTCM eine Reihe von UBS-Leuten weggespült wurden, konnte Rohner avancieren. Auch später profitierte er von unerwarteten Personalrochaden. Vielleicht wäre ihm noch ein Jahr gut bekommen, um sich auf den Job an der Spitze der UBS vorbereiten zu können. Doch nun wurde er ins kalte Wasser geworfen.

Trotz dem Aussehen eines Jungakademikers sollte man Rohner keinesfalls unterschätzen. Einmal, vor einer Volkswirtschaftsprüfung an der Universität, verpasste er den Bus, weil er den Prüfungstermin falsch eingeschrieben hatte. In der Eile und Aufregung fuhr ihn seine Mutter mit dem Auto nach Zürich. Er wollte zwar selber fahren, aber die Mutter liess es nicht zu. Er schien ihr viel zu aufgedreht. Rohner kam mit erheblicher Verspätung an die Prüfung – aber verliess den Saal eine Stunde früher als alle andern. «Ich bekam eine 4, erinnert sich ein Studienfreund, Marcel eine 6.»

Kommentar meinerseits: Ein cleverer Typ also, dieser Marcel Rohner..

Edit: Der unvermeidliche Frank A. Meyer im Intellektuellen-Blatt Sonntags-Blick über "Banken, Räuberbanken und Bankräuber"... wo ist bloss der Wohlstandzuwachs ("Den Wohlstandszuwachs allein aus den bisherigen Innovationen an den Finanzmärkten schätzte Scholes auf 30 Bio. $." - NZZ, 12.09.2008, Seite 29) geblieben, Frank A. Meyer? Hauptsache, 'raffendes Kapital' kritisieren und es auch noch an Charaktermasken aufhängen, ne? Der soll besser über sein anderes Thema schreiben, in dem er sich wenigstens ein bisschen auskennt: über die Gefahr des radikalen Islamismus und die unbedingte Israel-Solidarität..

Freitag, 12. September 2008

Freedom will ring forever

Die Terroranschläge des 11. Septembers haben sich zum 7. Mal gejährt. 9/11 hat sich in der Zwischenzeit als Sammelbegriff für das Grauen der Anschläge, als Chiffre, verselbstständigt. Die von Huntington geprägte These des 'Clash of Civilizations' mag man bisweilen für zugespitzt halten - am 11. September 2001 jedoch wurde dieser Gedanke - wenn auch eher im Sinne eines 'Clash of Civilizations Revisited' - nicht nur empirisch, sondern auch in einer mörderischen Beweisführung (teil)verifiziert.

Indes, die Anschläge, die von radikalen islamistischen Terroristen geplant und durchgeführt wurden, galten nicht nur, wie bereits Lizas Welt konstatierte, den Ideen von Freiheit, Demokratie, Emanzipation und dem individuellen Streben nach Glück, sondern sie richteten sich auch und vor allem gegen "konkrete Individuen" und nicht nur gegen "abstrakte Werte".

Die radikalen Islamisten verorteten zudem in New York nicht nur 'westliche' Werte, sondern und vor allem auch das 'Zentrum des Weltjudentums' und das 'jüdische Finanzkapital'. Diese Anschläge haben also nebst dem Antagonismus zwischen radikalem Islamismus und Liberalismus eine zutiefst antisemtische Grundierung (nebst den eindeutigen antisemitischen Motiven verweise ich auch auf das Stichwort 'raffendes Kapital').

Nebst der ideengeschichtlichen Auseinandersetzung findet 7 Jahre nach den Anschlägen von vielen Zeitgenossen (in den Medien: Zeitungen, Internet, Fernsehen) darüber hinaus eine gefährliche Erinnerungskultur statt, welche die offizielle Darstellungsweise von 9/11 bezweifelt. So habe ich vorhin auf ORF 1 eine 'Dokumentation' gesehen, die man getrost als verschwörungstheoretische Pseudowissenschaft qualifizieren kann. Das 'kritische' Schlusswort der Regisseurin lautete: "Geheimnisse bleiben nicht ewig Geheimnisse."

Eine kritische Haltung gegenüber Regierungen / dem Staat und seinen Institutionen ist nun zweifellos jederzeit angebracht, doch dieses Misstrauen gegenüber dem Staat darf gleichzeitig nicht bedeuten, dass man offizielle Rekonstruktionen von Ereignissen, die vielfach plausibel sind, in Frage stellt, wenn man parallel dazu auf zumeist fragwürdige Erklärungsmuster abstellt, die sich in den meisten Fällen aus einem Flickenteppich von Spekulationen, unglaubwürdigen und sich teils diametral widersprechenden Zeugenaussagen, wissenschaftlich nicht fundierten Analysen und anderen Unvollständigkeiten zusammensetzen. Zudem werden in den phänomenalen Szenarien, wie sie in 'Loose Change' und '9/11 Mysteries - Die Zerstörung des World Trade Centers' herbeiphantasiert werden, die offensichtlichsten Kausalitäten ausgeblendet, ganz so, als ob es Mohammed Atta und die anderen Terroristen nie gegeben hätte. Zugegeben, ich verstehe nicht viel von Physik und Statik, aber ich denke - und diese Einschätzung teilen viele Experten - dass zwei Passagierjets, die mit hoher Geschwindigkeit in Hochhäuser fliegen, dazu geeignet sind, diese Hochhäuser zum Einsturz zu bringen.

Diejenigen, die in widersprüchlichen Meldungen der Behörden und anderen angeblichen Ungereimtheiten angebliche Indizien über die 'wahren Hintergründe' von 9/11 vermuten wollen, die also unter anderem behaupten, dass die US-amerikanische Regierung die Anschläge inszeniert haben soll um wahlweise einen Krieg zu legitimieren oder um die 'Rüstungsindustrie' am Laufen zu halten, haben bis zum heutigen Zeitpunkt keine evidenten Beweise für ihre kruden Thesen liefern können. Auch ist nicht davon auszugehen, dass an solch einer gigantischen Verschwörung nebst der Regierung der USA auch unzählige andere Behörden und ihre Mitarbeitenden involviert sein sollen, die bis heute eisern schweigen ob ihres gelungenen Coups. Wer jemals die amerikanische Politik auch nur ansatzweise verfolgt hat, der dürfte festgestellt haben, dass der kleinste Skandal eines Politikers / einer Behörde relativ rasch an die Öffentlichkeit gelangt (vgl. hierzu den jüngsten Skandal im US-Innenministerium).

Umso mehr nerven mich die Leser-Kommentare zu Beiträgen in renommierten Tageszeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung, wo die Mehrheit der Stimmen tatsächlich die Position vertritt, die 'wahren Hintergründe' seien bis heute noch nicht bekannt. Dass diese Verschwörungstheorien zumeist antisemitisch (und antiamerikanisch) motiviert sind, verdeutlicht folgender Leser-Beitrag:

"Einmal abgesehen von Verschwörungstheorien, hier 2 Fakten:

Einmal abgesehen von allen möglichen und unmöglichen Verschwörungstheorien, objektiven und subjektiven Eindrücken gibt es zwei Tatsachen (die Schlüsse kann jeder selbst daraus ziehen):
  1. In der Nähe der beiden Türme des WTC, verkleidet als Araber, führten ein paar Männer Freundentänz auf. Als die Polizei diese Verhaftete, stellt sich heraus, dass es sich um isr. Staatsbürger handelte, welche für die Scheinfima "Urban Moving Systems Inc. arbeiteten (Quellen gibt’s genug zum nachprüfen). Die US-Regierung zahlte dem CEO – jetzt geflüchtet – kurz vorher 500’000 $
  2. 11 Monate vor dem 9.11. plauderte N.Rockefeller mit dem Regisseur Aaron Russo (hat dies bestätigt) über Politik, z.B. dass ein kommendes Ereignis (er wusste zwar nicht was, nicht wann) das Weltgeschehen ändern wird und den Einmarsch nach AFG u. IRK erlauben würde."
Dass diese angeblichen "Fakten" vollkommen Panne sind, fällt dem guten Herrn wohl nicht einmal im Traum ein. Zum Glück gibt es bei NZZ-Online jedoch noch Frau Alexandra Hamilton, die mit praktisch jedem Kommentar die Wahrheit schreibt. So schreibt sie denn auch:

"Kritische Haltung gegenüber Regierungen, insbesondere der eigenen, ist schon nötig

Aber man muss aufpassen, dass man nicht die Bodenhaftung verliert und immer wirrere Theorien aufstellen muss, damit man die realen Fakten noch verstehen und einordnen kann. Das ist sehr schön im Film JFK von Oliver Stone dargestellt. Plötzlich wird jeder ein Mitglied der Verschwörung nur man selbst hat es richtig verstanden, das soll schon ansonsten sehr intelligenten und an sich normalen Menschen passiert sein."
Zum Schluss zitiere ich gerne die Worte, die ich anlässlich eines Besuches von Ground Zero im Jahre 2004 auf einem Geländer gelesen habe:

"Freedom will ring forever"

Das scheint mir, trotz der teilweise zweifelhaften Erinnerungskultur und des nach wie vor stattfindenden Widerstreits der Wertesysteme, ein hoffnungsvoller Gedanke zu sein.

Edit: Hier ist wie auf Bestellung ebenfalls ein Artikel zum Thema zu finden..

Dienstag, 9. September 2008

Kommentar von Lizas Welt zur Causa Broder gegen Hecht-Galinski

Diese kürzliche monothematische Fixierung auf den Rechtsstreit zwischen Henryk M. Broder und Eveylin Hecht-Galinski erklärt sich dadurch, als dass das Urteil des Kölner Gerichts bei Lichte betrachtet (denn: wie bitte definiert sich ein "Durchschnittsleser"? Ist damit ein Spiegel-(Online-)Leser gemeint, der bekanntlich mehr weiss oder ist damit eventuell ein Leser der Süddeutschen Zeitung gemeint - ein eher israelkritisches Blatt? Oder meinen die Richter zu Köln damit eventuell einen Leser der Welt, nota bene eher eines (neo)konservativen, tendenziell eher vorsichtig pro-israelischen Blattes? Man weiss es nicht) äusserst fraglich ist.

Ein anderes Top-Blog, Lizas Welt, lotet mit einem gewohnt stilsicheren Text, an dem es textkritisch nichts auszusetzen gibt, die Schwächen des Urteils genüsslich aus.

Montag, 8. September 2008

Henryk M. Broder - ein wichtiger Fürsprecher Israels

Henryk M. Broder, ein streitbarer Supertyp und nebst den Antideutschen einer der seltenen dezidierten Fürsprecher deutscher Sprache für Israel, befindet sich ja mit Evelyn Hecht-Galinski, der Tocher des ersten Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, in einem juristischen Streit. Er schrieb im Top-Blog 'Achse des Guten' folgende, von Hecht-Galinski später inkriminierte, Worte:

"Jeder kölsche Jeck mit zwei Promille im Blut würde sogar an Weiberfastnacht erkennen, dass Frau EHG eine hysterische, geltungsbedürftige Hausfrau ist, die für niemanden spricht ausser für sich selbst und dabei auch nur Unsinn von sich gibt. Ihre Spezialität sind antisemitisch-antizionistische Gedankenlosigkeiten." (Achse des Guten)

Abgesehen davon, dass diese Aussage offensichtlich polemischen Zuschnitts ist und darüber hinaus humorvoll ist, bringt sie inhaltlich auch viel Wahres zum Ausdruck (vergleiche auch hier).

Später wurde von Hecht-Galinskin vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, dass Broder auf das Prädikat "antisemitisch" zu verzichten habe. Gegen diese Entscheidung legte hinwiederum Broder Widerspruch ein. Die 28. Zivilkammer des Landgerichts Köln hatte also zu entscheiden, wo zulässige Kritik an Israel aufhört, und wo sie die Grenze zum Antisemitismus überschreitet. Ob ein Kölner Gericht hierfür die zuständige Instanz ist, ist eine andere Frage..

In einem Punkt hat Broder besonders Recht: Es darf nicht sein, dass Antisemiten entscheiden, was Antisemitismus ist. Hecht-Galinskis Äusserungen über die Politik Israels nehmen die zeitgemässe Form des Antisemitismus oder des Antizionismus (was in den meisten Fällen in eines zusammenfällt) an: die Form der sogenannten 'Israelkritik'.

Sie gibt vor, gerade als angeblich kritischer Freund von Israel sei man verpflichtet, auf die Fehler israelischer Regierungsarbeit hinzuweisen. Vielfach jedoch nehmen die 'Israelkritiker' die grundsätzlich zulässige Kritik an Israel (sofern sie denn konkrete Missstände möglichst objektiv und natürlich ohne Ressentiments artikuliert, was zumindest in den westeuropäischen Medien kaum jemals stattfindet) zum Anlass, um Israel zu dämonisieren, zu delegitimieren und um doppelte Standards anzuwenden.

Wie im Falle von Hecht-Galinski schwingt oft noch das Gefühl mit, man dürfe in Deutschland seine wahre Meinung über Israel nicht äussern (der sekundäre Antisemitismus lässt grüssen - "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen"). Dabei geht vergessen, dass für viele EU-Bürger (und auch für viele Schweizer) Israel die grösste Gefahr für die Welt / für den Weltfrieden darstellt. Für diese negative und abstruse Wahrnehmung ist der als 'Israelkritik' getarnte Antizionismus oder Antisemitismus massgeblich mitverantwortlich.

Oder um es kurz zu fassen: Der Kommentar in der Welt bringt alles Wesentliche zum Thema in prägnanter Form zum Ausdruck.

Samstag, 6. September 2008

E pluribus unum

Auf Lizas Welt ist ein zweiteiliger Text über "Die Dialektik von Einheit und Differenz. Über Ursprung und Geltung des Pluralismusprinzips in den Vereinigten Staaten von Amerika" erschienen. Die Texte "E pluribus unum (I)" sowie "E pluribus unum (II)" sind in ihrer präzisen erkenntnistheoretischen und ideengeschichtlichen Analyse über "Migration, Multikulturalismus und Integration in Amerika und Europa" sehr wertvoll und sind ein dankbarer Denkanstoss, um die Debatte und die Deutungshoheit über Migration, Multikulturalismus und Integration vor allem in Westeuropa nicht den rechtskonservativen Populisten und den kulturlinken Relativisten zu überlassen.

Donnerstag, 4. September 2008

Gelesen im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung vom 1. September 2008

"Sadras epochale Synthese aus neuplatonischer Emanationskosmologie, avicennischem Rationalismus, zoroastrischer Lichtmetaphysik und sufistischer Mystik wird seit Jahrhunderten mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben, um den Weg zur Erleuchtung (erfan) zu weisen."

Diesen schöngeistigen Mumpitz kann man also im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel 'Zwischen Popper und östlicher Mystik - Die Philosophie in Iran sucht eigene Wege' lesen.

Gut, wenigstens handelt der Artikel nicht davon, wie irgendwelche Orchester zum Beispiel aus Deutschland unter dem Banner des 'interkulturellen' Austausches nach Iran reisen und begeistert vom Mullah-Land zurückkehren (nicht, dass der Iran nicht eine Kulturnation wäre, im Gegenteil, doch der 'Dialog der Zivilisationen', heisst es ferner im Artikel zutreffend, reflektiert tatsächlich "kaum je seine Voraussetzungen", insbesondere jene des theokratischen und also reaktionären sowie antisemitischen Mullah-Regimes nicht).