Mittwoch, 15. Oktober 2008

Was gibt's Neues von der Antifa?

Hierzu wiederum der Artikel aus den Freiburger Nachrichten (dieses Mal: mit einem "Experten für Rechtsextremismus"):

"«Ästhetisierung des Faschismus»

Der Überfall auf die Bar «Elvis et moi» wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel, wer hinter dem Verein «Soleil Noir» steckt, dessen Konzert verhindert werden sollte.

REgula Saner

Am Samstag hatte eine Gruppe von Personen die Bar Elvis et moi in der Stadt Freiburg kurz und klein geschlagen, um - wie sie in einer Mitteilung behauptet - ein Konzert der rechtsextremen Dark-Wave-Band «Camerata Mediolanense» zu verhindern (siehe FN von gestern). Die Ermittlungen gegen die Täterschaft, laut Freiburger Kantonspolizei vermutlich Anhänger der linksextremen Szene, laufen immer noch. Konkrete Ergebnisse gab es am Montag aber noch keine, wie Polizeisprecher Hans Maradan auf Anfrage sagte. Gegenüber den Medien hatte sich am Sonntag eine antifaschistische Gruppe mit dem Namen «Kommando nazifreie Subkultur» zur Tat bekannt.

Im braunen Dunstkreis

Aber wer ist die Band Camerata Mediolanense, gegen welche sich die Tat richten sollte? Indymedia, ein unabhängiges Netzwerk von Journalisten, entstanden aus der globalisierungskritischen Bewegung, schreibt im Internet: «Wie bei fast allen Bands aus der rechtsextremen Dark-Wave-Szene ist auch bei der Camerata Mediolanense die faschistische Gesinnung nicht auf den ersten Blick zu erkennen.»

Gemäss dem Experten für Rechtsextremismus, Hans Stutz, wird die italienische Band jedoch im Buch «Ästhetische Mobilmachung. Dark-Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien», herausgegeben vom deutschen Journalisten Andreas Speit, erwähnt. Für ihn lassen sich zudem einige Schlüsse aus den Anlässen ziehen, bei welchen die Camerata Mediolanense auftritt. So habe er die Band selber bei einem Konzert im waadtländischen La Sarraz im Jahre 2001 erlebt. Dort seien Gruppen aufgetreten wie die faschistische Band Blutharsch, und an einem Stand wurden Bücher über den Wegbereiter des italienischen Faschismus, Julius Evola, angeboten.

Der geplante Auftritt der Camerata Mediolanense vom Samstag im Elvis et moi wurde von Soleil Noir organisiert. Soleil Noir ist ein Verein aus Lausanne, sein Präsident heisst Lars Kophal. Der Verein organisiert seit sieben Jahren Konzerte der Stilrichtung Neo Folk und Dark Folk. Obwohl sich die Gruppe auf ihrer Website als völlig apolitisch bezeichnet, lehnt sie die globale Vereinheitlichung, «die grosse, fade Suppe des Multikulturalismus», ab.

Laut Hans Stutz gehört Soleil Noir definitiv zu jenem Teil der Gothik-Szene, welcher rechtsextreme Inhalte aufgenommen hat, insbesondere vom italienischen Faschismus und von der rumänischen Eisernen Garde. Dark-Wave-Bands wie Death in June, Allerseelen oder Blutharsch, die zum rechten Lager zählen, gehören zum Konzertprogramm von Soleil Noir. Lars Kophal bestreitet, dass diese Bands rechtsextremes Gedankengut verwenden.

Von der Ästhetik angezogen

Valentine Jaquier, Inhaberin des Elvis et moi, will von alledem nichts wissen. «Wer mich kennt, weiss, dass ich keinerlei Sympathien für rechtsextremistisches Gedankengut habe», sagt sie gegenüber den FN. Sie sei komplett apolitisch. «Ich liebe den Gothik-Stil. Ich finde die Kleider und die Musik dieser Stilrichtung schön. Ich liebe auch den Dresscode.» Hans Stutz bestätigt: «Im Unterschied zu den dumpfbackenen Skins kommen die Leute der Gothik-Kreise sehr ästhetisch daher und wirken oder sind gebildet.» Aufgrund seiner Erfahrungen sagt er, dass es oft dieser Aspekt sei, der die Anhänger fasziniere.

Nur eine Minderheit der Gothik-Szene

Von rechtsextremistischem Gedankengut sei aber nur eine Minderheit der Gothik-Szene beeinflusst, betont Stutz: «Diese Minderheit betreibt eine Ästhetisierung des Faschismus, aber ohne ironische Untertöne.» Ihm sei im Weiteren wichtig zu sagen, dass die Mehrheit der Gothik-Szene sich leider sehr unkritisch mit der faschistisch beeinflussten Minderheit beschäftige."

Soso, der "Experte für Rechtsextremismus" scheint offenbar von seinem Untersuchungsgegenstand nicht viel zu verstehen. Er schreibt beispielsweise pauschalisierend von den "dumpfbackenen Skins", die verglichen mit den Leuten aus der Gothik-Szene ungebildet "wirken oder sind". Dass es auch antifaschistische Skinheads gibt, scheint er nicht für relevant zu halten. Ein "Experte" jedoch, der nur einen Teil der Wahrheit ausspricht, kann schlechterdings kaum als Experte gelten. Desweiteren glaubt der "Experte", dass die "Mehrheit der Gothik-Szene sich leider sehr unkritisch mit der faschistisch beeinflussten Minderheit beschäftige." Trotz allen Vorbehalten, die ich persönlich gegenüber der "Gothik-Szene" hege, glaube ich nicht, dass der Faschismus eines der drängendsten Probleme dieser Subkultur darstellt. Trotz zum Teil vorherrschenden ethnopluralistischen Denkstrukturen in der Subkultur, die ich radikal ablehne, ist es doch eher der fragwürdige Natur- und Kulturbegriff, der stossend wirkt. Ich denke, dass der Faschismuschic, so man den ästhetisierten Umgang mit faschistoider Symbolik denn so nennen möchte (und der schon verurteilenswürdig ist), tatsächlich wohl eher ein fetischisierter Distinktionsgewinn darstellt, der darüber hinaus das Motiv der Provokation zur Grundlage hat. Nicht, dass ich dies für eine angemessene Form der Selbstdarstellung und Kunst halten würde - eher im Gegenteil - doch die Ambiguität der subkulturellen Zeichen und Codes - die stets auch die Möglichkeit der Betonung des grundsätzlich Falschen beinhaltet - ist wohl nicht nur in der "Gothic-Szene" verbreitet.

Aus diesen Gründen bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass die unkritische und unüberlegte, jedoch offenbar optimal organsierte Aktion vom Samstag in Freiburg falsch gewesen ist.

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